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‍„Ich wollte immer für jeden Tag im Jahr ein Paar Schuhe besitzen”

Sneaker-Ikone Hikmet Sugoer über seine Liebe zum Turnschuh und wie er sie zum Business machte.
10 Minuten
Von
Nadine Semmler
,
veröffentlicht am
4.12.2020
.
Fotos:
Daniel Bour

Hausbesuch bei Hikmet Sugoer, Turnschuh-Enthusiast und Designer. Wir treffen den Mann, der sich schon Anfang der Nullerjahre als Solebox Gründer und Sammler in der Sneaker Szene einen Namen gemacht hat und mit SONRA erfolgreich seine eigene Sneaker Marke lancierte. Wir sprechen mit ihm über seine Leidenschaft für Turnschuhe, Furchtlosigkeit und was der kleine Junge auf dem Bolzplatz damit zu tun hat.

COVERED: Hallo Hikmet, schön, dass du uns in deinen heiligen Hallen empfängst. Du bist inzwischen bekannt unter verschiedenen Bezeichnungen, wie Sneaker Papst, Pionier, Koryphäe oder Architekt der deutschen Sneaker Szene – und das sind nur einige Titel, die man dir gegeben hat. Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Hikmet: Ich bin der Typ, der zur richtigen Zeit das Richtige getan hat und das Glück hatte, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Die lange Version wäre, dass ich Schuhe designe, mit Marken kollaboriere, Sneaker Events veranstalte und mittlerweile eine erfolgreiche eigene Schuhmarke habe.

Hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: Hikmet Sugoer

COVERED: Welchen Schlüsselmoment gab es in deinem Leben, der deinen Weg zum Turnschuh und anschließend ins Sneaker Business geebnet hat? Wie fing also alles rund um deine Leidenschaft zum Sneaker an?  

Hikmet: Vieles ist, wie bei den meisten Menschen auch, in der Kindheit verankert. Als Kind der Arbeiterklasse bin ich nie übermäßig mit Konsumdingen überhäuft worden, wie viele Kids heutzutage. Den coolsten Turnschuh der Schule zu tragen, war für mich etwas Erstrebenswertes, vergleichbar mit dem Statussymbol Auto als Erwachsener. Diese Leidenschaft hat bis heute angehalten.

Ganz in seinem Element
„Ich mache einfach, ohne mir den Kopf darüber zu zerbrechen”

COVERED: Anfang der 2000er Jahre hast du deinen ersten Sneaker-Store eröffnet, der schnell zur Top-Adresse für Sneaker-Fans und Turnschuh-vernarrte Promis wurde. Wie hast du die Zeit damals wahrgenommen? Hattest du das Gefühl, da angekommen zu sein, wo du schon immer hin wolltest?  

Hikmet: Ich hatte nie wirklich ein festes Ziel und würde mich eher als Macher bezeichnen. Ich mache einfach lieber, ohne mir den Kopf darüber zu zerbrechen. In 20 Jahren setze ich mich vielleicht einmal mit meinen Kindern und Enkelkindern hin und kann dann Revue passieren lassen, was ich erreicht habe und ob ich angekommen bin.

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COVERED: 2013 bist du dann den nächsten Schritt gegangen und hast deinen Laden verkauft. War das der nächst logische Schritt für dich und wie hat es sich angefühlt nach all den Jahren als Local Hero, der du in der Szene eindeutig warst?

Hikmet: Den Laden habe ich aus familiären Gründen verkauft. Nach einem Schicksalsschlag musste ich vieles neu bewerten. Dinge, die ich bis dahin in meinem Leben als wichtig empfunden habe, wurden plötzlich unwichtig. Ich konnte und wollte mich nicht mehr darum kümmern, Schuhe an den Mann oder die Frau zu bringen. Es war nur noch wichtig, für meine Familie, meine Eltern und meine Kinder da zu sein.

Der nächste Schritt: SONRA

COVERED: Den größten Teil deines Lebens hattest du bis dato dem Sportschuh gewidmet. Hattest du damals keine Angst davor, was danach kommt oder ob überhaupt noch etwas (besseres) kommt?

Hikmet: Ich war an einem Punkt angelangt, an dem für mich all das irrelevant wurde – auch Turnschuhe, die bisher ein großer Teil meines Lebens waren. Daher hatte ich auch keine Angst, was danach kommt. Der Verkauf brachte mir für eine Weile finanzielle Sicherheit und dadurch Zeit. Ich war also eher entspannt und hab mich nicht gefragt, ob es nun weitergeht mit Turnschuhen oder nicht, es war mir schlicht und einfach egal.

SONRA Showroom
„Viele dachten wahrscheinlich, ich leide unter Größenwahn”

COVERED: Es ging natürlich weiter für dich. Wie kam es? Was kam? Und wieso kam es so?

Hikmet: Seit ich denken kann, habe ich gearbeitet und plötzlich war ich mit 43 Jahren das erste Mal arbeitslos. Nach dem Gang zum Arbeitsamt habe ich mich schnell wieder selbstständig gemacht und das verwirklicht, was naheliegend war: eine eigene Schuhmarke! Viele dachten wahrscheinlich, ich habe nicht alle Tassen im Schrank oder leide unter Größenwahn. Denn wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man damit Erfolg hat? Ich dachte mir aber, warum auch nicht? Der kleine Junge auf dem Bolzplatz hat doch auch den Traum, irgendwann einmal Profifußballer zu werden. Und wenn sich dieser kleine Junge von nichts abhalten lässt und an seinen Traum glaubt, bin ich mir sicher, dass es möglich ist. Warum soll ich nicht auch meine eigene Schuhmarke lancieren können?

COVERED: Hattest du dabei jemals Angst vorm Scheitern?

Hikmet: Solange ich das Go von meiner Frau habe und sie mit meiner Idee übereinstimmt, ist es egal, ob ich gewinne oder verliere. Wenn es von beiden abgesegnet ist und es schlecht laufen sollte, weiss man, dass man das Geld nicht beim Roulette verzockt hat, sondern etwas gemacht hast, was im Sinne der Familie war. Deshalb ist diese Angst nicht da und war auch nie da.

Heiß begehrte Treter vom Sneakerpapst

COVERED: Der Name deiner Marke ist SONRA. Was bedeutet der Name und was bedeutet er für dich?

Hikmet: Einige Leute kennen die Geschichte von Steve Jobs. Er gründete Apple, holte Investoren rein und musste sein Unternehmen später verlassen. Die zweite Firma, die er gründete nannte er “Next”. Übersetzt ins Türkische heißt “Next” “Sonra”. Nachdem auch ich mein Unternehmen verlassen hatte, in dem ich noch 2 weitere Jahre nach dem Verkauf als Angestellter tätig war, habe ich SONRA gegründet.

COVERED: Wann ist dein erstes eigenes Modell auf den Markt gekommen, wie lange hat es also gedauert, von der Idee im Kopf bis zum ersten Paar in deinen Händen?

Hikmet: Das ging alles relativ fix. Den allerersten Schuh habe ich zweidimensional, wie ein Schnittmuster, auf Papier gezeichnet, es dann auf Leder übertragen und ausgeschnitten. Meine Frau ist handwerklich sehr begabt und hat es anschließend zusammengenäht. Statt auf einen Leisten haben wir es auf einen bestehenden Schuh gepackt und schon hatten wir den ersten Entwurf. Die Produktionsstätte anschließend zu finden dauerte am längsten und das Modell auf den Markt zu bringen, circa ein Jahr.

Der Meister bei der Arbeit
„Die Leute merken, wenn Leidenschaft dahinter steckt“

COVERED: Was denkst du, was SONRA deiner Meinung nach ausmacht?

Hikmet: Ich würde sagen, SONRA ist 100 Prozent Hikmet. Ich glaube das wichtigste ist, dass wenn man etwas macht, dass man es  richtig macht. Mein Ansporn war nie das Geld, das war eher eine positive Begleiterscheinung. Ich denke, die Leute merken, wenn Passion und Leidenschaft dahinter stecken und ich bin mir relativ sicher, dass es dann auch funktionieren wird.

COVERED: Designed by Hikmet – Made in Germany: Du produzierst in Deutschland. Spielt Nachhaltigkeit für dich dabei eine Rolle oder warum produzierst du nicht an günstigeren Standorten wie China & Co., wie es große Sportartikelhersteller gern tun?

Hikmet: Ich bin mittlerweile ein großer Fan davon, weniger und bewusst zu konsumieren. Bevor ich zehn Mal die gleiche Sache billig kaufe, kaufe ich sie lieber einmal richtig. Genauso ist auch mein Anspruch an meinem Marke. Eine Produktion in Asien ist nicht per se schlecht. Bei mir sind es mehrere Faktoren: Produziert man in Asien, hat man erst einmal die Sprachbarriere. Hinzu kommt das viele Reisen, dass ich aus familiären Gründen nicht wollte. Aber auch Dinge wie Political Correctness und die Arbeitsbedingungen vor Ort haben eine Rolle gespielt. Vieles kann ich von hier aus einfach nicht überwachen. In Deutschland ist das meiste gesetzlich geregelt. Grundsätzlich bin ich ein Fan von europäischer und deutscher Produktion, nicht nur aus Konsumenten-, sondern auch aus Produzentensicht. Es muss aber nicht zwingend Deutschland sein, ich habe auch kein Problem damit, in Europa zu produzieren. Im Übrigen darf man nie vergessen, dass der Konsument bestimmt, wie ein Produkt hergestellt wird. Wir als Konsumenten müssen Dinge klarer einfordern, indem wir bestimmte Produkte einfach nicht mehr kaufen. Wir können nicht erwarten, dass eine Jeans für drei Euro fair produziert wurde, denn das kann nicht funktionieren.

SONRA: 100 Prozent Hikmet

COVERED: SONRA ist ein noch recht junges Projekt. Vorab hast du dir als Sammler in der Szene einen Namen gemacht. Kannst du noch abschätzen, wie viele Exemplare sich über die Jahre angesammelt haben oder hast du inzwischen den Überblick verloren? Was ist dein seltenstes Modell?

Hikmet: Viele Sammler werden nie eine genaue Zahl nennen. Ich hatte mir irgendwann mal einen lockeren Spruch zurechtgelegt, dass es schon immer mein Traum war, für jeden Tag im Jahr ein Paar Schuhe zu besitzen. Und dann habe ich immer nur in Jahren geantwortet. Jetzt bin ich bei über zwei Jahren angekommen. Jeder, der einigermaßen rechnen kann, kriegt das bestimmt zusammen. Im Übrigen bin ich nicht einmal einer, der die meisten Exemplare besitzt. Da gibt es Sammler, die haben Tausende von Schuhen – einfach unvorstellbar. Bei mir ist das Ganze also noch moderat. Rare Modelle sind Samples, die aus der Zusammenarbeit mit verschiedenen Sportartikelherstellern stammen. Diese Modelle existieren nur ein einziges Mal weltweit. Davon habe ich verschiedene, für die einige Leute sehr viel Geld zahlen würden.

„Für viele bin ich der Typ, der Eis aus einem Nike SB gegessen hat”
Ein neues Modell entsteht

COVERED: Trägst du noch oder sammelst du nur?

Hikmet: Ich bin dafür bekannt, dass ich sie trage, denn dafür sind gemacht. Ab und zu mache auch mal Sachen, die man mit Schuhen eher nicht machen sollte. Einige kennen mich als den Typen, der Eis aus einem Nike SB gegessen hat. Was damals ein Witz war, ging viral und hängt mir noch immer nach. Neulich fuhr ein Auto an mir vorbei, bremste, kam zurück und der Fahrer fragte mich, ob ich derjenige wäre, der Eis aus einem Schuh gegessen hat. 30 Jahre harte Arbeit, viel für die Sneaker Community getan und das Einzige, was bei den Leuten hängen bleibt, ist das.

COVERED: Mal ganz fiktiv: Der Weihnachtsbaum fackelt ab und du musst das Haus fluchtartig verlassen. Alle sind draußen und du hast gerade noch Zeit, zwei deiner Lieblings-Sneaker zu retten. Welche schnappst du dir?

Hikmet: Also erstens bin ich gut versichert und zweitens fürchte ich, dass es ein größeres Problem wäre, die Schuhe zu finden. Bis ich herausgefunden habe, wo die Schuhe sind, ist es längst zu spät. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, dann wäre es meine allererste New Balance Kollabo, weil sie für mich persönlich ein Meilenstein war. Es war das erste Mal, dass eine Marke an mich geglaubt hat. Und dann würde ich natürlich eines meiner ersten eigenen Modelle retten.

Die erste Kollabo – ein echter Vertrauensbeweis

COVERED: Du hast hier einiges an Werten zusammengetragen. Ich hoffe doch, die geliebten Treter sind gut versichert?  Und falls ja, hast du die Versicherung schon einmal nutzen müssen?

Hikmet: Ja, ich bin abgesichert, aber nicht über eine normale Hausrat, da es eine große Sammlung ist und diese separat versichert werden muss. Bisher habe ich sie auch noch nie in Anspruch nehmen müssen. Außer einem Hausratsfall hatte ich bisher immer Glück.

COVERED: Und zum Abschluss noch zwei kurze Fragen: In welchen Schuhen turnst du persönlich am liebsten und welches Modell trägst du heute?

Hikmet: In meinen eigenen. Heute trage ich ein Paar Visvim Voyageur Moc.

COVERED: Vielen Dank für deine Zeit und dieses Gespräch.

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